Das aktuelle und künftige Angebot für emissionsfreie Sonderfahrdienste

Als Experte für e-Mobility-Lösungen für Sonderfahrdienste ist Erik Henneken, Business Development Manager e-Mobility bei Tribus, wie kein anderer über die aktuellen Entwicklungen auf dem Gebiet des elektrischen Personenverkehrs im Bilde. In dieser Rolle ist Erik auch an Emissionsfreiheitsinitiativen unter anderem von Gemeinden und Behörden im In- und Ausland sowie an zahlreichen laufenden und geplanten Entwicklungsprojekten beteiligt. Dank unseres Gesprächs mit Erik können wir seine Vorstellungen und Kenntnisse auf dem Gebiet der heutigen und künftigen Elektromobilitätslösungen nun mit Ihnen teilen.

WARUM EMISSIONSFREIE SONDERFAHRDIENSTE?

Wir haben uns im europäischen Rahmen den Zielen des Pariser Klimaschutzübereinkommens verpflichtet. Diese Ziele müssen wir gemeinsam realisieren, also auch mit der Transportbranche und spezifisch mit den Anbietern von Sonderfahrdiensten. Für die niederländische Zielen beschloss in 2018 eine Gruppe von Gemeinden, Marktakteuren, Herstellern und anderen Organisationen, darunter der Verband niederländischer Gemeinden (VNG), der Dachverband des gewerblichen Personenverkehrs (KNV) und das Kommunale Netzwerk für Mobilität und Infrastruktur (GNMI), einen Aktionsplan zur Realisierung emissionsfreier Sonderfahrdienste zu entwickeln. Auch Tribus, vertreten durch Erik Henneken, gehört dieser Gruppe an. Erik: „2019 haben alle Beteiligten eine Einigung erzielt, die sie in einer Verwaltungsvereinbarung und einer Absichtserklärung niedergelegt haben: Vollständig emissionsfreie Sonderfahrdienste ab dem 1. Januar 2025.“

Unterzeichnung der Vereinbarung über emissionsfreie Sonderfahrdienste, u.a. mit Erik Henneken, Business Development Manager e-Mobility

Auch die niederländische Regierung hat sich zum Ziel gesetzt, die Treibhausgasemissionen in den Niederlanden bis 2030 um fast die Hälfte zu senken. Seit die Regierung den garantierten Umstieg auf einen emissionsfreien öffentlichen Verkehr beschlossen hat, entstand ein großer künftiger Absatzmarkt für Elektrofahrzeuge. Da hierdurch die Amortisierungsaussichten gestiegen und die Risiken gesunken sind, sind die Hersteller bereit, große und teure Entwicklungsprojekte in Gang zu setzen. Die Entwicklungen stecken noch in den Kinderschuhen, schreiten aber rasch voran. So werden beispielsweise Akkupakete mit längerer Einsatzdauer oder höherer Kapazität, alternative Kraftstofflösungen und besser recycelbare, leichtgewichtigere oder nachhaltigere Produkte entwickelt.

DIE HERAUSFORDERUNGEN EMISSIONSFREIER SONDERFAHRDIENSTE

Momentan werden für Sonderfahrdienste nur wenige Elektrofahrzeuge angeboten. Erik bezeichnet dieses Angebot als „guten Anfang“, wobei aber in puncto Reichweite noch keine ideale Lösung existiert. Erik: „Die bisher verfügbaren Lösungen fokussieren auf Elektromotoren, da es noch kein flächendeckendes Netz an Wasserstofftankstellen gibt. Angesichts des Gewichts der Akkupakete ist aber ein zulässiges Gesamtgewicht von 3500 kg für ein M1-Fahrzeug kaum realisierbar, schon gar nicht, wenn es auch noch eine große Reichweite haben soll. Die Elektrofahrzeuge der Hersteller wiegen ohne Rollstuhlumbau schon 2600 bis 2800 kg. Bei einem Rollstuhlbus für 8 Personen kommen 75 kg pro Person dazu. Mit 675 kg Personengewicht bleiben dann nur noch 25 bis 225 kg für einen Tribus-Rollstuhlumbau, was sehr schwer zu realisieren ist. Es gibt auch andere Optionen, beispielsweise die Reduzierung der Zahl der Sitzplätze und Fahrgäste. In der Praxis hat sich aber leider gezeigt, dass diese Alternative für die Fahrtenplanung der Taxiunternehmer oft keine ideale Lösung darstellt. Natürlich versuchen wir in Brüssel mit einer europäischen Lobby die Erhöhung des zulässigen Gesamtgewichts für Führerschein-B-Fahrzeuge zu erreichen, bislang allerdings ohne Erfolg.

DAS AKTUELLE ANGEBOT AN ELEKTROFAHRZEUGEN FÜR SONDERFAHRDIENSTE

Auf dem Markt werden verschiedene Kleinbusse angeboten, siehe auch nachstehende Abbildung. Alle haben sie ihre eigenen Möglichkeiten und Beschränkungen. So variiert die Akkukapazität, die darüber hinaus im Laufe der Zeit durch Alterung sinkt. Auch die Aufladedauer ist sehr unterschiedlich, und die Schnellladeoption ist teurer. Manche Fahrzeuge eignen sich auch nicht für den Umbau zum Rollstuhlbus für Sonderfahrdienste, beispielsweise weil ihr Leergewicht zu hoch ist.

Ein Unternehmer, der heute einen elektrischen Rollstuhlbus für 9 Personen sucht, kann aus zwei Fahrzeugen wählen: dem Volkswagen e-Crafter/ MAN E-TGE mit 2 Rollstuhlplätzen und einem kleineren Fahrzeug mit 1 Rollstuhlplatz. Letzteres wird unter den Markennamen e-Jumpy, Vivaro-E, ProAce und E-Expert von mehreren Herstellern angeboten; die Reichweite beträgt ca. 250 km. Die Reichweite des Volkswagen e-Crafters ist mit ca. 125 km begrenzt.

Akkukapazität 33 kWh
Renault ZE-Master

Akkukapazität 35 kWh
MAN e-TGE
Volkswagen e-Crafter

Akkukapazität 47 kWh
Fiat e-Ducato

Akkukapazität 47 kWh
Mercedes-Benz e-Sprinter

Akkukapazität 67 kWh
Ford e-Transit

Akkukapazität 70 kWh
Citroën e-Jumper
Peugeot e-Boxer
Opel e-Movano

Akkukapazität 72 kWh
Maxus e-Deliver9

FAHRZEUGE, DIE IN NAHER ZUKUNFT AUF DEN MARKT KOMMEN

Anfang 2022 wird der Ford e-Transit eingeführt, der laut Angaben von Ford eine Reichweite von über 200 km bieten soll. Auch der Maxus e-Deliver bietet einen guten Aktionsradius. Bei Tribus stellen wir momentan die Gewichte und Abmessungen dieser Fahrzeuge fest; später im Jahr werden wir dann wissen, ob sie sich auch wirklich für einen Rollstuhlumbau eignen. Der Mercedes-Benz Sprinter wird leider nicht für die Personenbeförderung freigegeben, aber vielleicht ändert sich das 2023 noch.

Andere Hersteller bringen ebenfalls elektrische Lieferwagen auf den Markt, die in vielen Fällen aber zu schwer sind, um als Rollstuhlbus eingesetzt werden zu können. Darüber hinaus wird der erste wasserstoffbetriebene Rollstuhlbus erwartet. In Zusammenarbeit mit Renault hat Tribus einen ersten wasserstoffelektrischen Niederflurbus gebaut; dieser soll von der Organisation Stroomlijn für Sonderfahrdienste in der Region Drechtsteden eingesetzt werden. Da das Gewicht des Busses aber leider das für das M1-Segment geltende zulässige Gewicht überschreitet, erfordert er einen Busführerschein. Angesichts der weltweiten Lieferprobleme werden die ersten Busse Anfang 2022 erwartet.

FAKTOREN, DIE DEN KAUF EINES ELEKTRISCHEN ROLLSTUHLBUSSES BEEINFLUSSEN 

Bei der Anschaffung eines elektrischen Rollstuhlbusses gibt es viele Faktoren zu beachten, die bei der Umstellung auf einen emissionsfreien Verkehr eine Rolle spielen. So muss schon vor dem Fahrzeugkauf über das Ladenetz nachgedacht werden. Bei Anschaffung eines einzelnen Fahrzeugs bleibt es bei der Beantragung einer Ladestation bei der Gemeinde, aber wenn ein kompletter Fuhrpark elektrifiziert werden soll, muss oft mit einer höheren Nachfrage beim Energielieferanten gerechnet werden. Dann muss möglicherweise eine Trafostation installiert und an das Netz angeschlossen werden. Derartige Antragsverfahren verlaufen oft langwierig, und in manchen Fällen kann der Energieversorger die erforderliche Infrastruktur auch nicht bieten.

Verfügbarkeit von emissionsfreien Taxi- und Rollstuhlbussen
Flächendeckendes und ausreichendes Netzwerk von (Schnell-)Ladestationen und Wasserstofftankstellen
Ausreichend lange Vertragslaufzeit
Einblick in die Gesamtbetriebskosten (TCO)

EIN BLICK IN DIE ZUKUNFT

Auf die Frage, wie er die Zukunft sieht, antwortet Erik: „Seit die Regierung den garantierten Umstieg auf einen emissionsfreien öffentlichen Verkehr beschlossen hat, entstand ein großer künftiger Absatzmarkt für Elektro- bzw. wasserstoffbetriebene Fahrzeuge. Da hierdurch die Risiken des Amortisierungsmodells gesunken sind, sind die Hersteller bereit, große und teure Entwicklungsprojekte in Gang zu setzen. Ich erwarte einen Anstieg der Zahl der Elektrofahrzeuge, die auf den Markt kommen; parallel dazu spielen auch andere Faktoren eine Rolle bei der Umstellung auf emissionsfreie Sonderfahrdienste. So muss ein flächendeckendes Netz von Tankstellen oder Schnellladestationen angelegt werden, und mit den Beförderungsunternehmen müssen Verträge mit einer Laufzeit von mindestens 5 bis 8 Jahren abgeschossen werden, damit die Investitionen wieder hereingeholt werden können. Zugleich benötigen die Beförderer einen Einblick in die Gesamtbetriebskosten, aber bei neuen Produkten stehen die betreffenden Zahlen nicht sofort zur Verfügung. Zusammengefasst sind wir also auf dem richtigen Weg, auch wenn es noch keine Patentrezepte für die Elektrifizierung der gesamten niederländischen Sonderfahrdienstbranche gibt.“

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